GO! Die Ökodiktatur


Vorwort zur Neuauflage von GO! Die Ökodiktatur "Erst die Erde, dann der Mensch"

GO! Die Ökodiktatur | Hörbuch | Dirk C. Fleck
© Verlag p.machinery

Zwanzig Jahre sind seit der Erstveröffentlichung von „GO! Die Ökodiktatur" vergangen. Dass der Verlag p.machinery das Buch noch einmal auflegt, zeugt von Realitätssinn. Nicht schlecht für einen Science-Fiction-Verlag. Übrigens wird der Roman, nachdem es bereits in der Türkei erschienen ist, in Kürze auch in Vietnam erscheinen. Inzwischen hat sich das Klima auf der Erde nämlich erheblich verschlechtert, sowohl ökologisch als auch sozial. Unsere Zivilisation betreibt einen Weltkrieg gegen die Natur, der unmittelbar und unbestritten in den Ökozid führt. Dennoch wollen Wirtschaft und Politik von ihrer vernichtenden Wachstumsideologie nicht lassen. Der Drops, so scheint es, ist gelutscht. Der Meinung ist auch das US-amerikanische Energieministerium, das den Kampf gegen den Klimawandel vor kurzem für verloren erklärte. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Schweinerei auf den letzten Drücker unbeirrt, aber gewinnbringend weiter betrieben wird.

Das Verrückte dabei ist, dass wir Wälder vernichten, Flüsse kaputt machen, Arten auslöschen und die Erde unbewohnbar machen können, ohne dabei ein einziges Gesetz zu brechen. Es ist zwar kriminell, jemanden die Handtasche zu klauen oder einen Joint zu rauchen, aber es ist völlig legal, den Planeten zu zerstören. Unsere gesamte Kultur ist auf der Vermeidung von Verantwortung gegründet – von oben nach unten, von innen nach außen, individuell und gesellschaftlich. Die Zivilisation, das wird jetzt, da es an unser aller Lebensgrundlagen geht, immer mehr Menschen bewusst, ist ein barbarisches System, das ausschließlich dem Geld folgt und nichts, aber rein gar nichts mit ethischen Grundsätzen zu tun hat.

Die Psychologie hat angesichts der Ratlosigkeit, in der sich die Menschheit zur Zeit befindet, den Begriff der kognitiven Dissonanz geprägt. Wir sehen uns einem Übermaß an Problemen gegenüber, während wir gleichzeitig glauben, dass es dafür keine Lösungsmöglichkeiten gibt. Kognitive Dissonanz. Ein unangenehmes Gefühl. Vor allem, wenn es sich wie ein schleichendes Gift in die Gesellschaft frisst. Um dieses Gefühl abzumildern, um an ihm also nicht verrückt zu werden, bleibt uns eigentlich nur eines: die Probleme in ein „besseres“ Licht zu rücken. Also verharmlosen, vertuschen und verdrängen wir wie die Teufel, darin sind wir wirklich brillant.

Wir Menschen haben Jahrhunderte lang in unser Wohnzimmer uriniert. Anstatt aber unsere Lebensweise zu hinterfragen, diskutierten wir lieber über die Saugfähigkeit des Teppichs. Erst jetzt, da der Sättigungsgrad des Teppichs erreicht ist, beginnen wir allmählich aufzuwachen. Dabei hätte es nicht zwangsläufig so weit kommen müssen. Wir hatten unsere Chance, wir hatten sie immer. Wir konnten sie nur nicht nutzen, weil wir als politisches Gemeinwesen keine Idee besaßen, was und wer wir eigentlich sein wollten jenseits unseres immer kümmerlicher werdenden Konsumentendaseins im Scheinpluralismus weniger Konzerne.

Eigentlich wissen wir es immer noch nicht. Deshalb glauben wir, dass die Lösung unserer Probleme ein Fall für die Wissenschaft geworden ist. Unsere Hoffnungen ruhen auf neuen Wissenschaftszweigen wie der Bionik, dem Geo-Engineering oder der Evolutionstechnik, wir träumen von molekularer Selbstorganisation und versuchen uns an der Züchtung von Stopfkrebsen zum Abdichten unserer Deiche. Wir hören von lernfähigen neuronalen Netzen und einer neuen Computer-Architektur, in der Hardware und Software zu einer Persönlichkeit verschmelzen. Aber verstehen tun wir nichts von alledem. Und wie immer, wenn wir nichts verstehen, wird es auch diesmal schief gehen. Mit allem, was wir Menschen bisher angefangen haben, sind wir nämlich in die Absurdität des Gegenteils geraten. Mit dem Versuch, die Äcker fruchtbarer zu machen, haben wir sie zu Tode gefoltert. Mit dem Versuch, uns vor Feinden zu schützen, sind wir so nahe wie möglich an den großen Weltbrand geraten. Selbst der Versuch zu heilen und zu helfen geriet immer mehr an die Grenzen der Unmenschlichkeit.


Der polnische Philosoph und Science-Fiction-Autor Stanislav Lem (Solaris) hat es folgendermaßen ausgedrückt: „Die Zivilisation ist ein Schiff, das ohne Pläne gebaut wurde und nun führerlos dahin schlingert. Es fehlt ihr ganz einfach an spiritueller Verbundenheit, damit sie einen Kurs hätte wählen können, der eben nicht in die Katastrophe mündet.“

Unsere Aussichten sind alles andere als rosig. Wie es scheint, stellen die Meere und Wälder ihre globalen Dienstleistungen, die bislang jedem Menschen zugute kamen, demnächst ein. Damit würde der Klimastress zum Dauerzustand werden. Und wie es um das kapitalistische Wirtschaftssystem bestellt ist, brauche ich niemandem zu erklären. Schon jetzt fühlen sich Milliarden Menschen rund um den Globus betrogen und verarscht, sie sind frustriert, ausgebrannt und ohne Hoffnung.

Vermutlich braucht es den drohenden Megaschock, um eine wirkliche Bewusstseinsänderung herbei zu führen. In den Herzen der Menschen sitzen nicht nur Wut und Enttäuschung, es wächst in ihnen auch etwas heran, was von unschätzbarem Wert ist: die Sehnsucht nach einer besseren Welt! Diese Sehnsucht ist schon heute mit Händen zu greifen und zwar überall auf der Erde. Die Menschen haben die Seele der Gier-Kultur endgültig satt. Deshalb ist es wichtig, ihnen eine Perspektive zu bieten. Sie müssen wissen, dass es genügend gesunde Alternativen gibt, um sich aus den Fängen einer erbarmungslosen Wachstumsgesellschaft zu befreien. Sobald sie verstehen, dass es ohne weiteres möglich ist, sich gegenüber den Kapitalinteressen zu emanzipieren, dass es möglich ist, eine Gemeinschaft nach eigenen Vorstellungen aufzubauen, um wieder in den Genuss von Kommunikation und Mitmenschlichkeit zu kommen, werden sie auch den Mut finden, etwas Neues zu wagen. Diese Neuorientierung wird nicht gradlinig verlaufen und viele Irritationen mit sich bringen, aber sie wird den Menschen von Anfang an und bei jedem Schritt etwas zurückgeben, was ihnen solange gefehlt hat: Lebensfreude.

 

Ich mag gar nicht daran denken, was an kreativen Kräften alles frei gesetzt wird, wenn sich die Gemeinschaften auf regionaler Ebene neu organisieren. Wenn immer mehr Menschen verstehen, dass es allemal besser ist, mit der Natur als gegen sie zu leben. Wenn wieder natürliche Kreisläufe in Gang gesetzt werden und eine nachhaltige Wirtschaftsordnung entsteht, wenn Strom zu hundert Prozent aus regenerativen Energien gewonnen wird, wenn eine neue Geld- und Bodenordnung vor Spekulanten und Übervorteilung schützt, wenn ein transparentes und gerechtes Steuersystem allein der Zukunftssicherung verpflichtet ist, weil die Bemessungsgrundlagen nicht mehr am Umsatz, Verdienst und Gewinn orientiert sind sondern am Verbrauch. Eine Rohstoff- und Energiesteuer zum Beispiel würde den Ressourcenverbrauch auf ein erträgliches Maß senken.

Ich könnte hunderte von Alternativen nennen, für jeden Lebensbereich gleich mehrere. Sie sind bereits vorhanden. Erforscht und erprobt. Ob es sich um alternative Antriebe oder um gesunde Nahrung handelt, um Vorschläge für ein zukunftsfähiges Krankenversicherungssystem oder die Neuordnung der Demokratie durch Expertenparlamente – alles ist vorhanden oder angedacht, es wartet nur darauf, dass wir uns bedienen. Mit einem Sprung zurück ins Mittelalter, wie uns die Verfechter des alten Systems immer wieder weismachen wollen, hat das alles nichts zu tun.

Der Mensch ist schlau, er hat immer Auswege gefunden, wenn es zur Krise kam. Aber nie zuvor in seiner Geschichte ist seinem Erfindungsreichtum ein solcher Riegel vorgeschoben worden, wie zu Zeiten der kapitalen Gier. Kaum zu glauben aber wahr: Das Profitinteresse einer kriminellen Finanz- und Wirtschaftselite hat in den letzten Jahrzehnten jede vernünftige Problemlösung im Ansatz erstickt. Jetzt haben sie den Salat, jetzt doktern sie hysterisch an den Symptomen herum. Dabei verkennen sie eines: sie haben es nicht mit einem Fehler im System zu tun, ihr ganzes verdammte System ist ein Fehler!

Der Umbau unserer globalen Konsumkultur wird das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Menschheit sein. Diese Aufgabe können wir aber nur lösen, wenn wir uns als politisches Gemeinwesen verstehen. Weltweit. Aber angehen müssen wir diese Aufgabe. Sonst landen wir unweigerlich da, wo wir nicht hinwollen: in einer Ökodiktatur. Wie sich das anfühlt, wie das schmeckt – genau das habe ich versucht mir vorzustellen. Dass die äußeren Umstände, wie sie im Buch beschrieben werden, inzwischen nahe an die Wirklichkeit gerückt sind, ist allerdings kein Grund für übertrieben Optimismus.

Ich bin nicht sicher, wie sich die Dinge entwickeln werden, deshalb schließe ich mit einem Satz der wunderbaren Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi: „Erwarte weiterhin das Beste, aber sei auf das Schlimmste vorbereitet“.

Dirk
C. Fleck, im Dezember 2013

 

Laudatio Literaturpreis 1984  GO! Die Ökodiktatur


GO! Die Ökodiktatur | Das Hörbuch



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